sonstige Meldungen 2011

Kommentar des VUD zur Frühgeborenenversorgung in Deutschland

"Kommentar des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands e.V. (VUD)
zur Frühgeborenenversorgung in Deutschland

Medizinische und betriebswirtschaftliche Aspekte
und ihre Auswirkungen auf die Versorgungsstrukturen"

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat am 17. Juni 2010 Mindestmengenregelung  von 14 Geburten für Frühgeborene unter 1.250g seit Jahresanfang auf 30 Geburten ab 2011 erhöht. Diese Regelung wurde am 26.01.2011 vom Landessozialgericht Berlin Brandenburg bis zur Entscheidung im Hauptsacheverfahren ausgesetzt. Der Sinn und Unsinn von Mindestmengenregelungen als Parameter für Versorgungsqualität wird wieder diskutiert. Das Papier des Verbandes der Universitätsklinika Deutschland (VUD) liefert einen Beitrag zur Einordnung und lenkt den Fokus auf die verschiedenen Aspekte, die neben Mindestmengen noch beachtet werden müssen.

Mindestmengen, also die Anzahl von bestimmten Eingriffen in Krankenversorgungseinrichtungen, haben schon vor Jahren Einzug in die Debatte um Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen gehalten. Dabei sind sie jedoch immer als Surrogatparameter, also als Hilfsmittel, anzusehen. Es wird davon ausgegangen, dass über die Häufigkeit von Eingriffen auch eine gewisse Erfahrung bei den handelnden Personen abgeleitet werden kann, die wiederum zu besseren Behandlungsergebnissen führt. Obwohl dieser Zusammenhang für einige Bereiche der Medizin nachgewiesen werden konnte, ist er doch angreifbar und in seiner Begründung zu kurz gegriffen.

Um die Versorgung von Frühgeburten zu optimieren ist nach Meinung des VUD eine weitergehende Betrachtung notwendig. Denn die Frühgeborenenversorgung ist ein hochgradig interdisziplinärer Bereich, bei dem neben den Kerndisziplinen Gynäkologie und Pädiatrie auch viele weitere Fachdisziplinen in die Behandlung einbezogen werden müssen. Daher sollte auch die Organisationsstruktur von spezialisierten Einrichtungen mit betrachtet werden.
Die Organisationsstruktur zieht Fragen nach der innerbetrieblichen Organisation nach sich. So muss für bestimmte Strukturvorgaben (z.B. 24-Stunden Facharzt-Besetzung an 365 Tagen im Jahr) die Möglichkeit bestehen, die Organisation wirtschaftlich zu gestalten.


Statement Rüdiger Strehl, Generalsekretär des VUD:
„Die Versorgung von Frühgeborenen ist ein hochemotionales Thema. Nach dem G-BA-Beschluss zur Heraufsetzung der Mindestmengen und damit einer weiteren Konzentration der Versorgung extremer Frühgeborener verstärken kleinere Kliniken und als ihr Sprachrohr auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft die Lobbyarbeit gegen diese Entwicklung. Dabei wird vordergründig mit der Notwendigkeit einer flächendeckenden, wohnortnahen Versorgung argumentiert. Tatsächlich betreffen extreme Frühgeburten jedoch nur etwa ein Prozent aller Geburten in Deutschland, also wenige Tausend Fälle im Jahr.

Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands spricht sich für eine umfassende Analyse der Versorgungsstrukturen aus. Dabei muss an erster Stelle die langfristige Versorgungsqualität für das frühgeborene Kind stehen. Eine Argumentation über Todesfallraten als Qualitätsmerkmal ist unzulässig verkürzt. Für Kind und Eltern geht es um die körperliche und geistige Entwicklung und die Frage, ob eine bestmögliche Behandlung nach dem Stand der Wissenschaft stattfindet, damit spätere Beeinträchtigungen möglichst minimiert werden.
Medizinische Notwendigkeiten, wie etwa die Besetzung mit Fachärzten rund um die Uhr, ziehen bei begrenzten Mitteln der Krankenversicherten und der öffentlichen Haushalte bestimmte Organisationsstrukturen nach sich. Volkswirtschaftlich muss gefragt werden, ob es Sinn macht, Personal und Ausstattung an vielen kleinen Standorten vorzuhalten. Darüber hinaus werden im Zweifelsfall nicht nur Schäden bei den Patienten und ihren Familien riskiert. Schlechte Versorgungsstrukturen ziehen auch einen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich.“

Statement Dr. Andreas Tecklenburg, Vorstand Krankenversorgung der Medizinischen Hochschule Hannover, VUD-Vorstandsmitglied und Vorsitzender des VUD-Qualitätsausschusses:
„Die Organisation der interdisziplinären Zusammenarbeit von insbesondere Neonatologen und speziellen Geburtshelfen, wie sie für Perinatalzentren vorgesehen ist, ist aus betriebswirtschaftlichen Gründen auf bestimmte Mindestkapazitäten angewiesen. Die betriebswirtschaftliche Betrachtung ist zunächst unabhängig von medizinischen Qualitätsaspekten. Bei der Frühgeborenenenversorgung weisen jedoch organisatorische, betriebswirtschaftliche und medizinische Gründe in dieselbe Richtung: hin zu einer Mindestgröße und damit zu Mindestversorgungskapazitäten, wie die VUD-Publikation zeigt.“

Statement Prof. Dr. Christian Poets, Leiter der Abteilung Neonatologie am Universitätsklinikum Tübingen und ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin:
„Aus ärztlicher Sicht geht kein Weg an der Konzentration von hochspezialisierten Leistungen wie der Behandlung von Frühgeborenen auf wenige Zentren vorbei. Die Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin hatte bereits im Jahre 2005 Empfehlungen für Behandlungszentren formuliert, die bestimmte Kapazitäten voraussetzten.
Schwangerschaften werden in Deutschland heute engmaschig betreut und viele Risiken, die zu Frühgeburten führen, werden dadurch rechtzeitig erkannt. Rechtzeitig bedeutet in diesem Zusammenhang: schon wenige Tage reichen zwischen dem Erkennen einer möglichen Frühgeburt durch den Gynäkologen und der daran anschließenden Geburt und Weiterversorgung des Kindes aus. Dass dies möglich ist, sagt nicht nur die eigene Erfahrung, sondern wird auch durch Daten beispielsweise der Neonatalerhebung bestätigt.

Probleme können sich heute noch an den Schnittstellen ergeben: Liegen den niedergelassenen Gynäkologen die nötigen Informationen über die spezialisierten Einrichtungen vor? Die Politik als Regulativ der medizinischen Selbstverwaltung muss dafür Sorge tragen, dass in der Krankenhausplanung konsequent Zentrumsstrukturen aufgebaut werden. Die Bundesländer sollten an der gezielten Mittelverwendung ein eigenes Interesse haben, denn sie sind für die Finanzierung der Krankenhausstrukturen verantwortlich. Wie im VUD-Papier erläutert, führt das Krankenhausfinanzierungsystem über Fallpauschalen aus verschiedenen Gründen nicht automatisch zu der notwendigen Konzentration von hochspezialisierter Versorgung bzw. zum Abbau von Kapazitäten an anderer Stelle.“


Kontakt:
Verband der Universitätsklinika Deutschlands e.V. (VUD)
Kordula Merk
Alt-Moabit 96
10559 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 3940517-23
Fax: +49 (0) 30 3940517-17
Email: merk@uniklinika.de

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    Die VUD-Broschüre QUALITÄT LEBEN liegt in der aktualisierten Fassung vor. Es werden Informationen zu einzelnen Leistungsbereichen gegeben und die Anzahl der Eingriffe an den einzelnen Universitätsklinika berichtet. Wir senden Ihnen gerne ein gedrucktes Exemplar zu.... Weiterlesen
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    Bewerbungsfrist:  30. April 2011 Mit der Vergabe des Innovationspreises möchte der VII. Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin (14./15. Juli 2011 in Berlin) Wissenschaftler fördern und in ihrer Arbeit unterstützen. Damit soll die Bedeutung der Wissenschaft und... Weiterlesen